Freitag, 24. Februar 2012

Viva el Carnaval!

Viva! Viva! Das Carnaval-Fieber hat mich sehr schnell gepackt, schon als in Quito scheinbar die ganze Welt nach Guaranda wollte, in diese kleine Stadt, die um diese Jahreszeit Kopf steht. Die ganzen Scharen fuhren mit bestem Grund, wie mir im Laufe der Tage immer klarer wurde, alle 5 Minuten ein uebervoller Bus.
Ich war ja schon einmal zur normalen Zeit in Guaranda und hatte dadurch den Vergleich. Wie dieser sonst so beschauliche Ort zu Carnaval auflebt und blueht!

Gleich zu Beginn hatte ich einen tollen Festauftakt bei einer Privatfeier meiner superreichen Freunde, bei denen ich verweilte. Hier in ihrem zweiten Domizil.
Obwohl ich vom ersten Mal schon ein bisschen abgehaertet war, war die Gegenwaertigkeit dieser extremen sozialen Gegensaetze wieder ein Schlag in´s Gesicht, gerade noch frisch vom alltaeglichen Leben und der Arbeit. Aber ich hatte ihn schon vorher verkraftet und konnte mich dann gut amuesieren.

Die Latinos wissen es sehr gut, zu feiern, zu tanzen und zu trinken; sie haben einen wirklich guten Durst. Erst wird gegessen, dann getanzt, die ganze Menge, es kommt keiner aus. Damit nichts unterbrochen werden muss, gibt es immer jemanden, der ein Tablett mit frisch gefuellten Schnapsglaesern herumreicht. Und so bedient sich jeder forsch: Ja, gern nimm ich noch einen! Die naechste Runde kommt bestimmt.

Tanzen ist sowieso mit das wichtigste, essentielle am Carnaval. Ueberall wird getanzt. Am Tag bei Freiluft- Raves in der Stadt,
bei denen die Leute von den Balkonen immer wieder Wasser runterschuetten, sich mit diesem weissen Zeug vollspruehen und sich gegenseitig mit Mehl einreiben. Ich hab ausgesehen wie frisch aus der Baeckersstube.
Das ist ein anderer Brauch, den es hier auch an Orten gibt, an denen kein offizieller Carnaval stattfindet, dass man sich gegenseitig mit Wasser vollspritzt. Und vor allem in Guaranda eben nicht nur mit Wasser. Sie haben mir immer gesagt: Wenn du nach Guaranda gehst, machen sie dich mit allem nass: Wasser, Bier, sie zerschlagen Eier auf deinem Kopf.
Wahrscheinlich ging ich deswegen mit ueberhoehten Erwartungen hin, denn ein bisschen war ich schon enttaeuscht. Ich konnte das alles sehen, Leute, die sich gegenseitig Eier auf dem Kopf zerschlagen, sich gegenseitig mit Bier vollgiessen, usw., aber mich hat es kaum erwischt. Wir sind z.B. in einer Reihe die Strasse entlang gegangen und von den Daechern haben sie Wassereimer runtergeschuettet, aber immer hat es meine(n) Vorder- oder Hintermann/-frau erwischt, mich nie. Ich hatte also einfach nicht wirklich Glueck.
Sie haben mir auch gesagt, dass es frueher krasser war und u.a. der amtierende Praesident Rafael Correa dieses langweilige Vernunftsdenken anstiftet. Man koennte ja krank werden, wenn man nass ist... Schade, denn eigentlich sind hier sonst so viele lustige Dinge moeglich, die in der Heimat schon laengst vom deutschen Sicherheitswahn in die Schranken gewiesen worden waeren, z.B. Verbrennen von Puppen an Neujahr.
Sehr spassig war es trotzdem durch und durch.

Ich war beim Tanzen am Tag stehen geblieben und weiter geht er am Abend, die ganze Nacht weiter, wieder im Freien bei Konzerten mit riesigen Menschenmassen und dann in den Discos. Mich hat in diesen Tagen das Salsa-Fieber gepackt, auch wenn ich ihn manchmal bei den lateinamerikanischen Standard-Jungendhits ein bisschen vermisst habe. Es kann hier irgendwie jeder tanzen und zwar richtig gut, sie haben es einfach im Blut. Meine daheim gelernten Tanzkuenste hab ich angefangen, geringzuschaetzen, denn hier geht es einfach weg von stupiden Abfolgen von Schritten hin zu einem blossen Gefuehl, dem lateinamerikanischen Feuer, das man (in Europa) nicht lernen kann. Ich muss doch unbedingt mal nach Cali, dem Geburtsort des Salsa...
Die Gringos haben hier uebrigens den Ruf, wirklich miserable Taenzer zu sein. Und es hat mich sehr gefreut, als sie mir sagten, ich habe den Durchschnitt stark gehoben. Vielleicht bin ich im Geheimen manchmal doch schon fast einer von ihnen. Sage und schreibe viermal wurde ich schon fuer einen Ecuatorianer gehalten. Im Uebrigen hab ich in den letzten Wochen ein neue Identitaet erworben. Ich heisse Juan (Juanito) González und komme aus Loja. Ein Taxifahrer in Guayaquil hielt mich fuer einen Lojano.
Es ist tatsaechlich so, dass es nicht wenige Menschen hier gibt, die keine dunklere Haut als ich haben und die man nach Deutschland setzen koennte, ohne dass sie auffallen wuerden.

Saemtliche Verwandte und Freunde kommen an Carnaval zu Besuch und Gastfreundschaft wird ganz gross geschrieben. Ich geriet von einem Haus ins naechste, ueberall war die ganze Grossfamilie versammelt und ueberall wurde mir reichlich Essen angeboten.
Ueberall bekommt man auch den typisch guarandeñischen Schnaps "Pájaro azul". Ein Teufelszeug, das mit Vorsicht zu geniessen ist. Hat man es runtergebracht, sagt man inbruenstig "Jesús y María!" Ich hab auch eine Flasche mitgenommen und wenn ich wieder daheim bin, wird einmal eine (un)gemuetliche Pájaro Azul- Runde stattfinden.

Ein sehr erquickender Anblick waren vor allem die Festzuege. Man kann es nicht wirklich beschreiben, die ergreifende Freude, das unglaubliche Temperament, das da in der Luft liegt. Es gibt eigentlich kein deutsches Wort: "Qué alegría!!!"
Ich muss jetzt noch unzaehlige Fotos von den Umzuegen reinstellen, denn bei den vielen tollen Motiven ist Selektieren so schwierig.  Ein best of.
Man vertreibt sich die Wartezeit bis es losgeht schon gut.

 Es ist Wahnsinn, wie die alle tanzen koennen!
Und manchmal ist es auch so, dass die Zuschauer mitmachen (muessen). Da ist man mittendrin, so schnell kann man gar nicht schauen.
 Der Pájaro Azul- das Maskottchen zum Schnaps.
Eine Gruppe aus Pasto, Kolumbien.



Mitreissend ist auch dieses bekannte Carnaval-Lied, das rauf- und runtergesungen wird:
"A la voz del Carnaval, todo el mundo se levanta, todo el mundo se levanta, qué bonito es Carnavaaaaaal…"


Und zwischen diesen ganzen Erlebnissen laeuft meine Arbeit nach wie vor weiter. Es gibt da einige erfreuliche Fortschritte und Ergebnisse. Bericht folgt demnaechst!

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