Sonntag, 27. Mai 2012

Arequipa y Cañón del Colca

In Arequipa ankommen war schon fast so etwas wie heimkommen, was vielleicht daran lag, dass es eine meiner letzten Reisestationen war, nach so manchem Abstecher ins Weite eine riesige Grossstadt, nach Bolivien und Chile wieder Peru und- der wohl entscheidenste Grund- dass ich dort wieder Freunde hatte, zu denen ich gehen konnte.
Arequipa ist nicht nur gross (zweitgroesste Stadt Perus nach Lima), sondern auch wirklich schoen.
Die etlichen Vulkane aus der Umgebung schleuderten in all den Jahren einen sog. weissen Tuffstein Richtung Stadt, der dann natuerlich dankbar als Baustoff verwendet wurde und das Gesamtbild deutlich praegt. Arequipa traegt auch den Titel "ciudad blanca" (weisse Stadt), den meiner Meinung nach nur Ibarra wirklich verdient hat.
Einen vollstaendigen langen angenehmen Tag war ich dort unterwegs, mit der sehr netten Begleitung einer Freundin, die mich durch den riesigen Gebaeudekomplex ihrer Uni fuehrte, an alle moeglichen Orte, durch Strassen wie diese,


die so etwas positiv pulsierendes haben, ein geordnet wirkendes geschaeftiges Treiben im Gegensatz zum mancherorts erlebten lateinamerikanischen Chaos.
Es mag wieder nur so eine Fassade sein, das nach aussen praesentierte Bild, das von den ganzen Problemen am Rande ablenkt, aber der Stadtkern hat wirklich Stil.


                                                                 Plaza de Armas


Es ist so ueblich, dass man als Passant dort die Tauben fuettert. Ich stellte mich wohl irgendwie ungeschickt an und wurde von einem riesigen Schwarm ueberfallen.



Wer zu viel Geld hat, kann in einer dieser netten Gassen zum Essen gehen.


Ich war sehr froh um den Geheimtipp meiner Freunde, die mich zum besten typischen "comida arequipeña" ausserhalb der Stadt brachten. Es ist recht beruehmt, beruehmt fuer seine Schaerfe und mein Mund brannte schon ziemlich nach den (aber sehr leckeren) fleischgefuellten Paprika mit Kartoffelkuchen.


Nach dem Namen der Stadt faellt auch sehr bald das "Monasterio Santa Catalina", bauwerklich gesehen ein Juwel aus dem Mittelalter, nicht nur ein Kloster, eher eine kleine Stadt in der Stadt. Es war damals elitaer bis zum geht nicht mehr mit rigoroser Selektion der Bewerberinnen nach Herkunft und sozialem Stand, wie sie unchristlicher nicht haette sein koennen.
Aber als eine der wenigen Nonnen, die aufgenommen wurden, konnte man es innerhalb dieser Mauern sicher gut aushalten, in dieser eigenen neuen Welt. Mir kam es so vor wie ein beschaulicher Fluchtort im angsteinfloessenden Suedamerika...
Silencio!

Es regnete gerade in Stroemen und ich huschte von einer Ueberdachung zur naechsten, ganz ueberwaeltigt von all den tollen Farben.



                                              Nachts wird´s da sicher ziemlich gruselig.


                                       Calle Sevilla steht da an der Mauer. Ja, eine kleine Stadt.

                                                                   Auf den Daechern

Die Arequipeños leben schon in einer wirklich besonderen Stadt, bilden sich darauf aber sehr viel ein. Am Jahrestag der Stadtgruendung kennen sie sich vor lauter Stolz kaum noch mehr. Bei der Ernennung ihrer Altstadt zum Weltkulturerbe oder der Seligsprechung der ehemaligen Priorin von Santa Catalina sind sie natuerlich halb ausgeflippt. Und wenn dann Mario Vargas Llosa als Sohn der Stadt auch noch den Literaturnobelpreis gewinnt...Ich kaufte mir gleich ein Buch von ihm.

Dann gaeb es da noch Bilder von verschiedenen Kirchen, aber, so gut es mir das alles auch gefiel, sind es doch oft gerade die eher unspektakulaeren, alltaeglichen, auch skurrilen, abstossenden Dinge, die einen so anziehen, Menschen, Leben, das Kantige, Dinge, die man schwer beschreiben kann, mehr als Besichtigungen von Bauwerken, die in aehnlicher Form auch in Europa stattfinden koennten.
Deswegen wuerde ich trotz all der besonderen Sehenswuerdigkeiten den Abend als Hoehepunkt sehen, an dem ich im Haus meiner Freunde fuer die gesamte Familie Spaghetti mit Tomatensauce kochte und wir uns so herrlich koestlich amuesierten, Momente hautnah am peruanischen Leben unter peruanischen Menschen.
Davon hab ich leider keine Fotos. Ich war mit Kochen oder Essen beschaeftigt.
Es ging mir wirklich gut in diesen Stunden. Ich war nur muede und hatte mich aus Schlafgruenden gegen die Trekking-Tour, die meine Nacht noch mehr verkuerzt haette, und fuer eine normalere Tour in den Cañón del Colca entschieden. Wieder stieg ich in einen Bus und wartete darauf, mit wem ich wohl diesmal unterwegs sein wuerde. Keine grossen Ueberraschungen: Franzosen, Peruaner, Chilenen. Die Unterhaltungen mit den Chilenen waren eine Haertepruefung fuers Spanisch. Sie sprechen schnell, ungewohnt, schwer verstaendlich anders, sie sagen selbst eher Chilenisch als Spanisch. Doch nach fast einem halbem Jahr Sprachpraxis geht sogar das irgendwie.



Wieder waren es die wahnsinnigen Landschaften, die meine Muedigkeit und Erschoepftheit ein bisschen vertreiben konnten. Gegen die Kaelte half wenig, der Coca- Tee waermte ein bisschen.
Auf dieser Tour war es diesbezueglich am ungemuetlichsten. Teilweise war ich nicht mal so hoch wie in Puno oder Copacabana, aber es ging immer ein eisiger Wind, als wir ausstiegen, z.B. um Alpacas anzuschaun. Hier mit einem all dieser Vulkane im Hintergrund, Misti oder Ampato, ich weiss es nicht mehr genau.



Solche Bilder aus der Gebirgswueste sind halt einfach voll und ganz Peruperu!

Spaeter kam die Eiseskaelte ganz klar von der Hoehe. Die Strecke (die asphaltierte Strecke wohlgemerkt) erreicht einmal den 4900 m hohen Pass Patapampa.

Damit brach ich meinen Hoehenrekord vom Cotopaxi. Es war auch wohl das erste mal in meiner gesamten Zeit, dass es bei mir kaelter war als daheim in Deutschland. Zwei Tage davor schwitzte ich noch in Arica und dann stapfte ich durch den Schnee. So dermassen unmittelbar extrem hatte ich die Unterschiede vorher auch nicht erlebt.

In einem kleinen Ort namens Chivay sollte die Nacht verbracht werden, der nur fuer die Leute interessant ist, die frieren wollen. Es war unglaublich! Mein Hotelzimmer war mehr ein Kuehlschrank als ein Zimmer.
Gott sei Dank machten wir einen kleinen Abstecher zu heissen Quellen. Dort traf ich einen sehr netten Brasilianer. Wie so viele seiner Landsleute, die ich getroffen hatte, kam er von sich aus auf mich zu mit seiner  netten offenen interessierten Art und einem perfekten Spanisch. Tolle Begegnungen waren das!

Folklore- Tanz am Abend. Ich kam wieder einmal nicht aus und tanzte munter mit.

Die tanzenden Kinder am naechsten Tag in Yanque taten mir leid. Es sind die Touristenloecher, in denen es nur darum geht, ihnen einen Groschen aus der Tasche zu locken, mit dem man ihnen aber nicht hilft.


Schliesslich waren wir da, am riesigen Tal, mit seinen ueber 3200 m einer der tiefsten Canyons der Welt, wo im Tal der Río Colca fliesst und darueber die Kondore gleiten, die man vom beruehmten Cruz del Condor bewundern koennen sollte.
Zuerst hatten wir kein Glueck.

Spaeter klarte es dann an anderer Stelle auf und es bot sich der ersehnte Anblick, der allein die Tour schon wert war.




Andere Leute packten ihre riesigen Fotografiermaschinen aus. Mit meinen technischen Moeglichkeiten konnte ich sie noch in dieser Groesse und Schaerfe erwischen, die Kondore, wie sie da majestaetisch erhaben schweben...                                                                                                                                                 

Samstag, 12. Mai 2012

Ueber Nacht nach Chile

Peru ist gross. Ungefaehr dreimal so gross wie Deutschland, die Entfernungen weit und die Reisegeschwindigkeit gering. Um von A nach B zu kommen, braucht man meistens entweder einen ganzen Tag oder eine ganze Nacht.
Die bitterkalte Dunkelheit hatte Puno bereits heimgesucht und es siegte die Vorsicht ueber die Vorteile einer in Peru nur bedingt zu empfehlenden Ueberlandfahrt bei Nacht. Es war Ostersonntag und ich goennte mir lieber eine Nacht im Hotel und eine Familienpizza, die aber eher die Groesse einer Kinderpizza hatte und mich nicht satt machte. Dazu kamen die eigentlich schon laengst zu erwartenden Beschwerden der Hoehe, worueber man sich nicht zu wundern braucht, wenn man im Eiltempo in fast 4000 m MSL auf zwei Berge raufspurtet. Einige Augenblicke lang fuehlte ich mich so ungut, dass ich sogar mein Chile-Projekt in Frage stellte, sah es aber dann als vorteilhaft an, von den luftigen Hoehen in tiefere Gebiete zu fahren, Richtung Kueste.
Rein also in den Bus nach Tacna, dem letzten peruanischen Grenzort, am besten in den allerersten in der Frueh, um ja moeglichst bald anzukommen. Ich wollte nicht auf eine spaetere komfortablere Transportmoeglichkeit warten.
Schnell erwies sich meine Entscheidung als unguenstig; da die normalen Busse in jedem kleinsten Ort anhalten, um Leute aufzugabeln,  braucht man entsprechend laenger und laenger fuer die eh schon sehr lange Strecke.
Es gab einen Teil waehrend der Fahrt, da ging es durch das schiere Nichts, durch spektakulaerste Natur.

Eine Zeit lang konnte ich mich an der vorbeiziehenden Landschaft begeistern, mit dem staendigen Hintergedanken, dass es frueher oder spaeter im Westen vom Altiplano runtergehen muesse. Und irgendwann fing ich an, darauf zu warten, dass die Bergszenerie allmaehlich verschwindet. Doch die Berge blieben und blieben.
In all der Zeit wurde meine Toleranz gegenueber langen Fahrtzeiten immer groesser, aber diesmal verlor ich irgendwann einfach die Geduld. Es kam da mehr zusammen: Muedigkeit, Probleme mit der Hoehe, stickige Luft im uebervollen Bus, die Tatsache, dass er staendig wegen irgendetwas anhalten musste, wegen landwirtschaftlicher Kontrollen auf mitgefuehrtes Obst, Polizeikontrollen, Aufgabeln und Absetzen von Leuten...
Dann mit der offensichtlich immer groesseren Verspaetung kamen auch Bedenken, was ich denn nach Einbruch der Dunkelheit in Tacna machen sollte, in der Nacht allein in einer suedamerikanischen Grossstadt, von der ich nichts wusste, mit dem eigentlichen Plan, am selben Tag noch ueber die Grenze nach Chile zu fahren. Doch wie es das Glueck oder der Zufall so will, traf ich einen Deutschen und einen Chinesen, die beide in Chile wohnen bzw. gewohnt hatten und gerade auf der Rueckreise von Peru waren. Es tat gut, mit zwei mit dem gleichen Plan unterwegs zu sein, die auch noch die gleiche Ueberlegung bzgl. der Busse getroffen hatten. Sie hatten genauso wie ich ueberlegt und nahmen den ersten Bus, um schon am Nachmittag ueber die Grenze zu kommen. Irgendwann bemerkten wir, dass der luxurioese Bus, der Puno satte drei Stunden spaeter verlassen hatte, mit uns gleichauf war. Wie man denn dermassen viel Zeit verlieren konnte?
Solche unglaublichen Aktionen wie die in Moquegua, nicht mehr allzu weit vom Ziel entfernt, bei denen ich ich fast die Fassung verlor, gaben mir die Antwort.
Einerseits ist es ja durchaus positiv, wenn es die Moeglichkeit gibt, mit oeffentlichen Verkehrsmitteln seine Habseligkeiten an jeden x- beliebigen Ort hin zu transportieren, z.B. gefuehlte 10000 Eierkartons. Aber wenn sogar die Einheimischen anfangen, ungeduldig zu werden und sich zu beschweren, dann ist es ein Zeichen, dass man innerlich schon ein bisschen brodeln darf und ich tat es, spaetestens nach 20 Minuten Eierkartons Ausladen, doch beim zweiten Gedanken sah ich ein, dass wer von A nach B will und A sagt, auch B sagen und solche ewigen Zeitverzoegerungen ueber sich ergehen lassen muss. Und warum ich das so ausfuehrlich beschreib, ist doch auch, weil manchmal der Weg das Ziel ist und man dort Dinge erlebt, die dann doch unheimlich amuesant und interessant, wenn auch sehr nervig sind...

Irgendwann aenderte sich das Bild schliesslich, wir erreichten die im Sueden Perus sehr trockene Costa...Wueste! Es sind die Auslaeufer der chilenischen Atacama-Wueste.

Und weitere laeppische Stunden spaeter dann Tacna. Ich war so froh um meine Bekanntschaften, die beide fest entschlossen noch am Abend nach Arica in Chile wollten, denn ich weiss nicht, ob ich es allein gemacht haette. Wir erfuhren, dass die Grenze noch offen hatte und es war mir wesentlich lieber, ueber Nacht da rueber als allein durch Tacna tigern zu muessen. 

Nach ein paar weiteren Stunden Weg und Formalitaeten an der ersten wirklich strengen, aber anscheinend ziemlich sicheren Grenze (wir fuhren mit dem Taxi, wovon sonst eigentlich immer dringend abgeraten wird) war es fuer die anderen zwei Rueckkehr in ihre zweite Heimat, so wie bei mir Ecuador. Fuer mich war alles neu. Alles, was ich von Kolumbien/Ecuador/Peru/Bolivien gesehen hab, war im grossen und ganzen aehnlich, nur einzelne Aspekte staerker oder schwaecher ausgepraegt. 
Aber Chile war voellig anders! Man merkt sofort, dass es wirtschaftlich wesentlich besser dasteht als seine Nachbarlaender. Chile wird die Schweiz Suedamerikas genannt, das BIP ist ca. doppelt so hoch wie das von Peru und ca. viermal so gross wie in Bolivien.
Es gibt Wohnsiedlungen, die genauso gut in Europa oder den USA stehen koennten und gute Strassen, sobald man die Grenze passiert hat. Da heisst es dann gleich: "Santiago, 2000 und noch was km", denn aufgrund der Form des Landes gibt es so gut wie nur eine unendlich lange Hauptstrasse. 
Unsere Odyssee ging noch weiter, als wir bis spaet in der Nacht in Arica ein Hotel suchten. Mit der Zeit wurden wir ein gutes Trio. Wir unterhielten uns auf Englisch beim gemeinsamen Abendessen und es freute mich, mal wieder Englisch reden zu koennen zwischen all dem staendigen Spanisch. Am naechsten morgen trennten sich unsere Wege. Meine Freunde aus Deutschland und China mussten nach Santiago und von da aus zurueck in die Heimat. Ich wollte mich vorher noch ein bisschen in Arica umschauen, anschliessend dann wieder nach Tacna und weiter nach Arequipa. Viele fragten mich, warum ich unter ziemlichem Stress nur kurz in die verschiedenen Laender reinschaue, anstatt ein Land richtig zu machen. Aber man bekommt immer einen so interessanten Eindruck in das Land und bei Chile war es ein so gaenzlich unterschiedlicher Anblick. In Arica kam ich mir nicht mehr wie in Lateinamerika, sondern eher wie in einer Stadt im Sueden der USA vor, wegen der guten Infrastruktur und weil es so gut wie keine Relikte aus der Kolonialzeit gibt. In allen anderen Orten, die ich kennengelernt hab, stiess ich immer zumindest auf eine Kirche oder einen historischen Platz, aber Arica wirkt ziemlich modern, sauber, nicht so chaotisch wie die anderen Laender.
Fussgaengerzone in der Innenstadt

Und das tolle Klima! Weil es in der Wueste liegt, regnet es fast nie und statt der unertraeglichen Hitze wie an der ecuadorianischen Kueste ist es angenehm trocken heiss. Ich wachte am naechsten morgen auf und freute mich ueber ein Wetter, wie ich es mir in der gesamten Zeit immer gewuenscht hatte, wo man weder frieren noch unmenschlich schwitzen muss. 
War es doch gut, in Erdkunde aufgepasst zu haben, sodass ich mir das dann alles erklaeren konnte. Gemaess der Walker- Zirkulation kommt mit dem Humboldt- Strom eine kalte Meeresstroemung an der Kueste an, die kalte Meeresluft zieht sich zusammen, wird schwerer und sinkt ab. Dadurch bildet sich ein Hoch, das zur Wolkenaufloesung fuehrt und so das aride Klima verursacht... Jejeje :)

 Mein Weg durch die Stadt  






war gleichzeitig auch eine Suche nach dem lang ersehnten Strand! Nach ein paar Sackgassen tauchte er auf.





El mar! Das Meer! 

                                                   Eine Schuelergruppe beim Trainieren.




El desierto! Die Wueste!

Mittwoch, 9. Mai 2012

Ostern in Bolivien

Off to Bolivia! Ich war abends an der Grenze und ein bisschen spaeter abends ueber der Grenze, fuhr nicht weiter als Copacabana. Eigentlich wollte ich nach La Paz, aber meine Freunde aus Cusco hatten mir davon abgeraten. Es sei gefaehrlich, gerade wenn man allein unterwegs ist. Ich hatte eh schon genug Respekt vor der ganzen Sache und nahm mit diesem kleinen Pilgerort vorlieb.
Zuerst plante ich den vollstaendigen naechsten Tag fuer die Stadt ein, kaufte mir sogar gleich ein Busticket fuer den folgenden Abend. Nach dem ersten Rundgang bereute ich meine Entscheidung. Es war Karsamstag und Unmengen von Menschen trieben sich herum. Am Titicaca- Strand hatte man knallbunte Kinderhuepfburgen aufgebaut; die Tretboote in Tierform tummeln sich wohl das ganze Jahr ueber im Wasser.

Dazu viele viele betrunkene, bzw. trinkende Menschen, Bolivianer (wohl einige davon aus La Paz) und alle moeglichen anderen Besucher, die zu Ostern nach Copacabana pilgern.
Waere ich nicht so muede und ausgelaugt gewesen und waere nicht Ostern gewesen, haette mich das alles sicher so richtig gepackt, die feiernden Menschenmassen auf den verdreckten Strassen, die Zelte als Residenz der Nachtschwaermer, die ungemuetliche Stimmung. 

Aber nach all diesen unschoenen Eindruecken und den Gedanken an ein behagliches Osterfest daheim fuehlte ich mich zum ersten mal in meiner gesamten Zeit so richtig einsam und wollte einfach nur noch von diesem haesslichen Ort weg, so bald wie moeglich. 

Als Alternative zu La Paz plante ich Chile ein, wollte dorthin aber wieder ueber Peru fahren, da zuverlaessiger und berechenbarer.
Es gab Direktbusse nach Puno, u.a. mittags, angeboten von unzaehligen Gesellschaften, doch meistens war schon alles voll. Das war mir vorher noch nie passiert, fuer eine einzige Person gab es andernorts sonst immer Kapazitaeten, gerade wenn man sich schon am Vorabend darum bemueht, und von Ecuador bin ich es gewohnt, dass man dann halt steht, wenn man keinen Sitzplatz mehr bekommt. Aber in dem unorganisierten Bolivien fingen sie auf einmal mit Strassenverkehrsgesetzen an.
Ja, es war Ostern und Copacabana ist so etwas wie ein Gabelpunkt zwischen Peru und La Paz, aber an diesem Abend konnte ich keine Unwaegbarkeiten verkraften, genervt und unter Strom, wie ich war.

Erst nach meinem ausfuehrlichen Strandrundgang las ich auf einmal im Reisefuehrer, wie gefaehrlich der Ort zu Festzeiten ist und dass man abends nie allein rausgehen sollte. Ich fragte bei einem Polizisten nach und er meinte, man solle schon sehr aufpassen. Eigentlich ja alles nichts neues fuer mich nach mehr als 5 Monaten Suedamerika. Trotzdem kam an diesem Abend so einiges zusammen und meine Vorsicht, kein Opfer von Diebstahl zu werden, war fast schon ein bisschen krampfartig.
Im Grunde gefaellt mir die lateinamerikanische Sorglosigkeit und ich finde, es wuerde ab und zu nicht schaden, sich eine Scheibe davon abzuschneiden. Aber manchmal braucht man gerade inmitten dieser allgegenwaertigen Unbekuemmertheit sture Gewissenhaftigkeit, um seine Sachen oder sich selbst nicht zu verlieren.

Ueber Nacht konnte ich mich ein bisschen beruhigen und hoerte vom Hotelbett aus den Ostergesaengen der bolivianischen Priester zu. 
Am naechsten Vormittag war meine Stimmung wesentlich besser, vor allem nachdem es mir gelungen war, ein Busticket fuer den Mittag zu ergattern.
Die Abfahrt war schon bald, doch die wenigen verbleibenden Stunden in Bolivien wollte ich noch so gut es geht ausnutzen und ploetzlich ergriff mich ein wahnsinniger Antrieb und ich erklomm den Cerro Calvario, einen Berg, der schon zur Inka- Zeit heilig war und heute der katholischen Marienverehrung dient. 
An dessen Fuss ging ich an der traurigerweise wohl haesslichsten Kirche der Welt vorbei.


Auf dem Weg nach oben passiert man die einzelnen Stationen eines Kreuzwegs und -es ist das christliche Lateinamerika- die Leute bleiben stehen und beten, am Ostersonntag eben besonders, auch wenn die eigentlichen Prozessionen schon am Karfreitag waren.



Und im Gegensatz zum geladenen Vorabend kam mir alles so besinnlich- friedlich vor. Am Gipfel angekommen hielt ich inne, genoss die Aussicht auf den See


und die Stadt



und ass genuesslich meine Schoko-Osterhasen und – eier, die mir meine Mama bei ihrem Besuch mitgebracht hatte und mehr oder weniger unversehrt bis nach Bolivien gekommen sind. Die Schokolade aus der Heimat gab meiner Stimmung noch einen weiteren Aufschwung und war ausgezeichnetes Proviant fuer den Abstieg ueber einen abenteuerlicheren Weg, den ich gefunden hatte.

Vieles, was ich in Bolivien gesehen hab, kannte ich in der Art schon aus Kolumbien/Ecuador/Peru, aber begegnete mir in noch intensiverer, gesteigerter Form. Es sind die Eindruecke, die man nicht beschreiben kann. Aber u.a. deswegen gefaellt es mir so gut, in viele unterschiedliche Laender reinzuschauen, auch wenn es nur fuer zwei Tage ist.



Nach Copacabana fahren die Leute auch, um ihre reich geschmueckten Autos segnen zu lassen. Ich habe immer gelesen, dass das jaehrlich am 5. August stattfindet, aber Ostern bietet sich dazu anscheinend auch ganz gut an.




Ich wanderte ueber einen schoenen Kirchplatz

und betrat eine mit Menschen ueberfuellte und auch sonst durch und durch erfuellte Catedral. Gerade ertoente ein Gesang, den ich schon einmal gehoert hatte, ein Lied in dem stets melancholischen Ton der Anden- Bevoelkerung.
Auf der anderen Seite gelangte ich zur "Capilla de las velas" (Kapelle der Kerzen), ein wahnsinnig ergreifender Ort. 

Es war so duester, aber die unzaehligen Kerzen erhellten den Raum auf eine andaechtige Weise, dazu die Waende mit Wachs mit Bitten vollgeschrieben.

Anschliessend hatte ich noch ein bisschen Zeit und wollte mir einen zweiten Huegel, den Horca del Inka vornehmen. Eigentlich gab es einen markierten Weg, aber eine Art Pfoertner empfahl mir, einfach querfeldein hinaufzusteigen, um schneller zu sein. Das war ich wirklich, nur hatte ich irgendwann das Gefuehl, jeglichen Pfad zu einem beruehmten Observatorium, das es dort geben sollte, zu verlieren. Und fand es tatsaechlich nicht.
Dafuer hatte ich Spass, mich durch solche Felslandschaften zu hangeln.

Erst wunderte ich mich darueber, ueberhaupt keine Probleme mit der Hoehe zu haben. Die beiden Huegel liegen auf fast 4000 m MSL und ich war sehr schnell unterwegs. Am Abend merkte ich jedoch, dass ich mich doch ein bisschen uebernommen hatte...

Meine Bedenken wegen der Busse waren ziemlich in den Hintergrund gerueckt, bis ich der Bedienung beim Mittagessen mein Ticket zeigte. Sie meinte, meine Gesellschaft fahre nicht nach Puno, sondern nur nach La Paz und ich solle mich lieber nochmal alternativ umschauen. Dann verschlang ich also mein Essen und hetzte von einem Busbuero zum naechsten. Die meisten hatten nichts mehr frei und mit Glueck konnte ich ein zweites Ticket erstehen, das mir auch nicht serioeser erschien, aber zumindest meine Chance erhoehte, in irgendeinen Bus reinzukommen. Ich bemerkte naemlich, dass es tatsaechlich so war, dass die einzelnen Unternehmen die Route nach Peru selbst gar nicht hatten, sondern sich gegenseitig an andere Gesellschaften weiterverkauften.
Ich hatte also im eigentlich so billigen Bolivien 3 Bus- Tickets gekauft, was im Nachhinein uebertrieben scheint, aber da sieht man alles immer von der lockeren Seite. Genauso wie ich mir jetzt denk, ob ich nicht allgemein zu vorsichtig war. Da stand einmal ein Bus bereit. "La Paz, La Paz, hay asientos, La Paz!" 


Doch in dem Moment war ich nur froh, dass es mit der Rueckfahrt geklappt hat und vermisste mein Ecuador, in dem ich immer auf so hilfsbereite Leute gestossen bin, die mir meist zumindest sagen konnten, was Sache ist. Aber dort waren sie oft eher uninteressiert, unaufgeschlossen, ja teilweise unehrlich.
Ich will den Peruanern und Bolivianern im Allgemeinen nicht unrecht tun, ich hab wirklich unglaublich tolle peruanische Freunde und vielleicht liegt meine Sichtweise auch daran, dass ich so lange in Ecuador lebte und viele Leute dort so gut kennenlernen konnte. Aber mir ging in Peru und Bolivien die Herzlichkeit ab, die ich aus Ecuador gewohnt bin, all die ewigen freundlichen Begruessungs- und Abschiedsfloskeln. Der Umgang im Gesamten war weit karger, trockener...
Leider war ich an dieser Stelle an dem Punkt angelangt, einfach nichts und niemandem trauen zu koennen und lieber zehnmal nachzufragen, zur eigenen Sicherheit...