Montag, 30. April 2012

Der Nabel der Welt

Ich machte mich also auf in die weite Welt, setzte mich zum dritten Mal in den Nachtbus nach Guayaquil, diesmal wegen meinem Flug nach Peru.
Einen ganzen sehr komischen Tag hatte ich dort noch, den ich hauptsaechlich mit Lesen und Versuchen, zu Schlafen verbrachte. Am Abend gelang es mir wegen einer moerderischen Hitze erst immer noch nicht, irgendwann jedoch so gut, dass ich meinen Flug fast verpasst haette.
Doch dann sass ich schliesslich im Flugzeug nach Lima. Von Lima weiter nach Cusco.
Aussicht ueber Lima!
Vor der so interessanten Stadt Cusco war es erst einmal das neue Land, das mich beschaeftigte. Peru! Schon aus der Luft fielen mir die rotbraunen Haeuser auf, ungewohnt fuer mich, der von Ecuador eher weissgraue Roh(bauten) gewohnt ist. Weitere kleine Unterschiede (alles eigentlich Banalitaeten, mit der Zeit wurden mir viel entscheidendere Aspekte bewusst): Wesentlich aeltere und kaputtere Autos. Sie erzaehlten mir, es kaemen in Peru sehr viele Gebrauchtwagen aus Chile an. Die Taxis sind nicht einheitlich gelb wie in Ecuador, sondern haben irgendeine Farbe, meistens trifft man aber auf weisse Gefaehrte.
Ich hatte wieder die Wahnsinnsmoeglichkeit, bei Einheimischen zu sein, mit Cusqueños ihre Stadt kennenzulernen. Und auch wenn sie es nicht lesen werden oder nicht lesen koennen, will ich Dank aussprechen, fuer die unwahrscheinliche Gastfreundschaft, die mir so viele Menschen in meiner Zeit hier entgegengebracht haben! Welche Freundlichkeit! Que dios les pague!
Am Abend, wenige Stunden nach meiner Ankunft, ging´s dann gleich noch in die Stadt. Ich war zwar wirklich ziemlich fertig, aber sagte mir immer: Schlafen kann ich daheim und mach lieber immer so viel, wie ich irgendwie schaff.
Cusco kommt vom Wort “Qosqo”, ist Quechua und bedeutet “Nabel der Welt”, war zu Zeiten des Inkareiches, das vom heutigen Suedkolumbien bis in den Norden von Argentinien und Chile reichte, dessen kulturelles und wirtschaftliches Zentrum. Die Stadt hat angeblich die Form eines Pumas, mit den Ruinen von Sacsayhuamán als Kopf, Cusco als Koerper und der Fluss Huatanay als Schwanz und ich bilde mir ein, das aus dem Flieger schon erkannt zu haben.
Schoene abendliche Stimmung in einer ausgesprochen schoenen Stadt.
 Hier Plaza de Armas mit der Catedral im Hintergrund.
Plaza Regocijo.

Da gibt es lauter so kleine Gassen.
Diese Art Wasserfaelle an der Plazoleta San Blas haben mir besonders gut gefallen! Irgendwie ein bisschen so aehnlich wie das beleuchtete Wasser am Bach beim Hagen, das man immer sieht, wenn man am Abend vom Volksfest beim Heimfahren ueber diese eine kleine Bruecke faehrt.
Blick von oben.

Am naechsten Tag dann bei Tageslicht ein weiterer Rundgang, diesmal mit regem Treiben von Cusqueños und vielen vielen Gringos. Es ist wohl der touristischte Ort in ganz Suedamerika. Ich glaube, wuerde man alle Besucher als eigene Bevoelkerungsgruppe auffassen, sie wuerden keinen unerheblichen Teil ausmachen.
Aber kein Wunder, angesichts dieser geschichtlichen Bedeutung als Inka- Hauptstadt, den saemtlichen bedeutenden Ruinen im nahegelegenen Valle Sacrado und natuerlich halt einfach dem Machu Picchu!
Das wollte ich ja auch alles besuchen und daher planen, ging von einer Verkaufsstelle zur naechsten und schaute mir die Stadt quasi im Vorbeigehen an.  Es gibt da so wahnsinnig viel! Lonely Planet schreibt, egal, wie lang man da ist, es ist zu kurz. Aber mit einem zuegigen Schritttempo kriegt man da schon so einiges unter. Und ich finde, es geht ja auch mehr um einen Gesamteindruck, als darum, systematisch z.B. alle Museen abzuklappern.
Vielmehr hab ich es genossen, unabsichtlich von den regen Besucherstroemen abzukommen und durch die verzweigtesten Hinterwege zu spazieren. Ich hatte die einzelnen Orte immer nicht gleich gefunden und mich ein paar Mal ziemlich verlaufen.

In Cusco sieht man die Vermischung inkaischer Kultur und spanischem Kolonialeinfluss mehr als sonst irgendwo. Das skurrilste Exempel haengt in der Catedral, Jesus beim letzten Abendmahl mit seinen 12 Juengern und auf dem Teller liegt ein gebratenes Meerschweinchen...
Es war gerade Gottesdienst, christliche Chorgesaenge auf Quechua!
An jenem Tag feierte man auch den “Señor de los templores”, der verehrt wird, weil er die Stadtbewohner vor Erdbeben schuetzen soll.

Cusco wurde in seiner Geschichte etliche Male von schlimmen Erschuetterungen heimgesucht und dabei vor allem die nicht bebensicheren Kolonialbauwerke zerstoert. Die Spanier benutzten in ihrem ausbeuterischen Stil uebrigens Steine von diversen Inka- Tempeln als Baumaterial fuer ihre Kirchen, etc.
Die Catedral noch einmal von aussen.
Menschen in Uniform (auf dem Bild nur schwer zu erkennen) standen da wegen der bevorstehenden Prozession mit dem "Señor de los templores", soviel ich mitbekommen hab, die aber dann leider ziemlich vom Regen davongeschwemmt wurde.

Hier noch der Plaza de Armas von der anderen Seite aus mit der Iglesia de la Compañía.
Durch Kontakte und Bekanntschaften meldete ich mich fuer eine Tour zu Inka-Ruinen in und um die Stadt an. Es war das erste Mal in meiner Zeit, dass ich eine Fuehrung machte, ansonsten schau ich mir die Sachen eigentlich immer lieber auf eigene Faust an. Aber da war es gut, weil ich wenig Zeit hatte und in dem reservierten Bus der Gruppe viel schneller zu den einzelnen Orten fahren konnte, ohne mich um etwas kuemmern zu muessen.
Dadurch, dass die Fuehrung auf Spanisch war, war ich mit einer Grossfamilie/Freundeskreis aus Argentinien zusammen. Das ist das Interessante an Peru: Es kommen nicht nur Europaer und US-Amerikaner, sondern auch so viele Besucher aus dem suedamerikanischen Ausland. Im Laufe der Zeit sollte ich mich noch mit etlichen Argentiniern, Brasilianern und Chilenen treffen, Leute aus den Laendern, die sich die Reise noch am ehesten leisten koennen. Bolivianern, Ecuadorianern oder Kolumbianern begegnet man dort kaum, zumindest nicht als Touristen.

Erste Station, Qorikancha, einst der reichste Inka-Tempel, dem Sonnengott Inti geweiht, einst vor Gold nur so strotzend. Da die spanischen Eroberer das Bauwerk den Dominikanern vererbten, enstand wieder einmal so eine bizarre Mischung aus inkaischer und kolonialer Architektur. Angeblich sollen innerhalb dieser Mauern immer solche mystischen Inka-Zeremonien stattgefunden haben.
Insgesamt hat mich der Komplex allerdings nicht so wahnsinnig beeindruckt. Dadurch, dass die ganzen Ueberreste der Inkas (streng genommen uebrigens Quechuas, der Inka war immer nur eine einzige Person, das Oberhaupt des Volkes) ja quasi in das Kloster integriert sind, kann man es nur schwer als eigenen urspruenglichen Tempel wahrnehmen, aber dann steht man in der Gruppe also vor so einem Stein
und alle sind einfach voellig begeistert. Faszinierend sind diese Inka-Bauten auf jeden Fall, wirklich intelligente architektonische Meisterleistungen.
Aber Sacsayhuamán danach hat mir noch wesentlich besser gefallen. Da muss man den Namen erst einmal rausbringen. Bei englischsprachigen Fuehrern klingt´s oft so wie "Sexy Woman". :)  Dieser Ort hatte neben der religioesen Bedeutung auch so ausgekluegelten praktischen Nutzen. Es war dort auf einmal wirklich wirklich kalt, viel kaelter als in Cusco, obwohl es nur ein kleines Stueck oberhalb der Stadt liegt, doch es wurde uns erklaert, dass es in dieser Gegend das Phaenomen ganz unterschiedlicher Ortsklima gibt. Die schlauen Inkas (Quechuas) wussten das und wussten es fuer z.B. Essensaufbewahrung zu nutzen, Essen fuer die mueden Krieger, die innnerhalb dieser Waelle stationiert waren. Ja es soll von dort aus sogar unterirdische Kanaele in die Stadt gegeben haben.
Man muss sich einfach vorstellen, wie viel groesser und erhabener wohl noch alles war, bevor die Spanier angekommen sind und den Grossteil davon zerstoert haben und wie es wohl moeglich war, die 300 Tonnen schweren Steine auf den Berg hochzuschaffen...

 
Im Hintergrund auf dem Huegel sieht man eine Jesus- Statue, so wie die in Rio, nur viel kleiner.

Weiter im Programm dann noch Puca Pucara
und Tambo Machay, wo es heilige Quellen aus der Inka-Zeit gibt, die immer noch funktionieren.
"Ist das original?", fragte einer der vielen Argentinier. "Ja!" entgegnete dann der Fuehrer. 
Das Wasser galt damals als Weihwasser, Milch der Erdmutter Pachamama, das einem ewige Jugend, Schoenheit und Fruchtbarkeit bringen soll. Als Auslaender wuerde man beim Verzehr aber schrecklich krank werden, nur die Einheimischen vertragen es. Komisch, dass von denen trotzdem keiner etwas gekostet hat...

Meiner Ansicht nach sprechen Ecuadorianer und Peruaner der Sierra beide ziemlich aehnlich gutes Spanisch, aber es gibt da so kleine feine Unterschiede, die mir immer wieder einmal aufgefallen sind. Einmal ging ich in ein Restaurant und wollte ein Abendmenue bestellen, in Ecuador sagt man dazu "Merienda". Der Kellner schaute mich ganz verwirrt an und fragte mich nach einer Zeit, ob ich denn eine "Cena" wollte. Ja, sagte ich, ass und erfuhr spaeter, dass "Merienda" eine sehr besondere Riesenmahlzeit ist, die in Peru nur einmal im Jahr von bestimmten "Campesinos" verspeist wird, mit Meerschweinchen, verschiedenen Fleischssorten, etc. Zum Essen dazu wurde mir ein Coca-Tee gebracht.

Donnerstag, 19. April 2012

Abenteuer 2/2

Wir hatten schon wirklich wirklich Glueck mit allem, wurden von der Frau unseres Fuehrers gut bekocht, assen draussen vor dessen Haus an einem lauen warmen Abend, so wie man sich bei uns einen tollen Sommer vorstellt. Fuer die Einheimischen war/ist gerade Winter, dieses Jahr besonders hart. Am Abend koennen die Temperaturen schon einmal auf frostige 25 Grad fallen...Es war aber wirklich nicht so unertraeglich heiss, wie ich es mir vorgestellt hatte.
Und das groesste Glueck ueberhaupt war die Moeglichkeit, den Parque Nacional Yasuní zu besuchen! Vielleicht hat der eine oder andere in aktuellen Nachrichten schon einmal diesen Namen fallen gehoert. Es herrscht da gerade ziemliche Diskussion ueber die etwaige Erdoelfoerderung dort. Das Thema ist vor allem deswegen so brisant, weil es in diesem Gebiet, nicht nur in Ecuador selbst, sondern weltweit die hoechste Biodiversitaet pro Quadratmeter gibt, auf der Welt einfach einzigartige Tier- und Pflanzenarten. Auf der anderen Seite ist das Erdoel der Hauptmotor der schwachen ecuadorianischen Wirtschaft. 
Es hat sich eine Initiative zur Bewahrung, gegen die Ausbeutung dieses Naturreservats gegruendet, die die Weltgemeinschaft um finanzielle Unterstuetzung bittet, im Rahmen der Haelfte des Geldes, das man durch den Eingriff gewinnen koennte. Man argumentiert zum einen mit der Bedeutung des Erhalts dieser ausserordentlichen Natur und dem Schutz der dort von der Aussenwelt abgeschotteten indigenen Urwaldstaemmen. Dann ist die Vermeidung von CO2- Emissionen auch noch ein wichtiger Aspekt, und zwar in doppelter Hinsicht: Erdoel, das man foerdert, wir verbrannt und in die Luft freigesetzt und zudem vernichtet man durch die Abholzung wertvolle Verwerter von CO2 in Sauerstoff.
Ich hab schon mit vielen Einheimischen darueber diskutiert und einige sagen, sie lieben und schaetzen ihr Land und es waere schrecklich traurig, aber, wenn wir nichts gleichwertiges finden, was sollen wir machen? Denn wir leben nun einmal in einem armen Land und koennen alternativ nur schwer auf  andere oekonomische Quellen zurueckgreifen. 

Es gibt ja unendlich viele Moeglichkeiten, den ecuadorianischen Regenwald zu erkunden und wahnsinnig schoen soll er angeblich ueberall sein. Aber ich bin sehr froh, mich fuer dieses Herzstueck entschieden zu haben, so ganz weit drin, in Teilen, die wirklich noch so gut wie unberuehrt sind. Andere Laender foerdern die Erhaltung ihrer Naturschaetze weit weniger. In Brasilien beispielsweise wird leider viel auf Kosten von Landwirtschaft und Industrie vernichtet.
Meine Gastfamilie hat zu mir gesagt: Fahr in den Yasuní, du wirst einer der letzten sein. Sie meinen, frueher oder spaeter bleibt ihnen nichts anderes mehr uebrig, als ihn anzugreifen. Ich hab mir schon vorher gedacht, ich wuerde weinen, wenn das geschaehe und mit jeder Stunde drinnen wurde der Gedanke daran noch schlimmer. Manche meinen, es ist moeglich, mit Nachhaltigkeit zu arbeiten, einzudringen und ihn dann wieder ausruhen zu lassen. Aber je laenger ich drin war, desto mehr wurde mir bewusst, dass der Mensch dort einfach nichts zu suchen hat, er dieses wundervolle System Natur einfach nicht wirklich verstehen kann, es eine ganz andere, eigene Logik verfolgt.

Unser Fuehrer, Cesar, hatte ein eigenes Boot mit Aussenbordmotor, das fuer die naechsten zwei Tage unser zu funktionierendes Verkehrsmittel sein sollte.
Wir legten ab, ein kurze Weile den Río Napo flussabwaerts bis zur Muendung mit dem Río Yasuní.
An diesem Punkt waren wir quasi auf der Peruanischen Grenze. Uebrigens gibt es deswegen immernoch Nachbarstaatenkonflikte zwischen Ecuador und Peru. Es sind die Teile, die Ecuador einmal an Peru verloren hat.
Der Río Yasuní ueberrascht gleich mit einer voellig anderen Wasserfarbe und einer nicht vorhandenen Stroemung.
Gleichzeitig begann damit die Schoenheit des tropischen Regenwalds, der Duft, die Geraeusche, die atemberaubende Natur und mein Fotografierwahn. Ich machte einfach Fotos ueber Fotos, sodass die Auswahl jetzt so schwierig ist, wie noch nie. Und es ist so schwierig, wie noch nie, das erlebte in Bildern und Worten auszudruecken. Einfach so unbeschreiblich beeindruckend!
Dieser Baum ist von der hoechsten Art der Welt. So mancher Artgenosse kann hoeher als 100 m werden. Von eben selbigem hab ich allein 5 Fotos gemacht, vor lauter Begeisterung. 

Unser Weg den Fluss entlang, der in zwei Tagen nicht langweilig geworden waer.
 Auf einmal waren wir drin im Yasuní!

 Tiefer und tiefer in den Wald hinein erreichten wir einen See, der, geheimnisvoll wie er ist, unendliche Gabelungen und Abzweigungen besitzt und der schwimmende Inseln hat, die an einem Tag an einer voellig anderen Stelle als an einem anderen auftauchen. 
Ich versuchte mir den Weg zu merken, aber frueher oder spaeter musste ich passen. Es ist Vertrauen, dass man in den Fuehrer legt und in die technischen Geraetschaften. Wir begegneten einer Reisetruppe, die muehsam den Weg zurueckpaddelten, denn ihr Motor hatte den Geist aufgegeben. Abenteuerwelten.

Irgendwo versteckt sollte angeblich der Beginn eines Weges sein, der jedoch wegen dem hohen Stand des Flusses voellig ueberflutet war. Mit Macheten bewaffnet bahnten wir uns zuerst noch im Boot einen Weg durch die Wildnis, bis das Wassers dann so seicht war, dass es gehend nur noch bis zu den Knien reichte. 

Irgendwann hatten wir richtigen Urwaldboden unter den Fuessen

und folgten unserem Fuehrer, der immer mehr bewies, dass er seinen Wald wie seine Westentasche kennt. Er wuchs quasi damit auf.

Strammen Schrittes marschierend hielt er auch immer wieder an, um uns die verschiedensten Sachen zu zeigen und zu erklaeren.  Es sind Geheimnisse, die die Indígenas des Regenwalds optimal zu nutzen wissen. Pflanzen, die heilsame Stoffe beinhalten, robustes Holz zum Haeuserbau, Blaetter zur Bekleidung.
 Da gibt es einen Baum, der nennt sich “El árbol de la comunicación”. Wenn man sich im Wald verirrt, muss man mit einem Holzstueck fest draufklopfen und ein Art Resonanzkoerper des Baums bringt dann weit hoerbare Schlaege hervor.
Unser Fuehrer meinte: “Wenn ich nach 2 Tagen nicht zurueckkomm, wird sich meine Frau Sorgen machen. Sie wird sich auf den Weg machen und mich suchen. Mit viel Glueck findet sie mich so”
Mhm, wenn man sich im Urwald verirrt, ist man mehr oder weniger verloren. Niemand wohnt dort,  Handys funktionieren nicht… im Nachinein, nach einem unversehrten Entrinnen klingt die Geschichte ueber den mysterioesen Kommunikationsbaum schon ziemlich anregend, aber wenn man gerade darin unterwegs ist…
In Suedamerika gibt es immer etwas, vor dem man Angst haben kann. In den Staedten sind es die Menschen, im Urwald die fehlenden Menschen, die Wildnis oder die wilden Tiere.
Mir persoenlich sind Schlangen alles andere als sympathisch und Gott sei Dank machte ich kaum mit einer Bekanntschaft. Der Fuehrer sagte, wenn sie Schritte hoeren, suchen sie das Weite, nur wenn es regnet hoeren sie das Getrappel nicht. Tatsaechlich hatte ich waehrend einem starken Regenschauer eine davonhuschen sehen. 
Wenn es bei Regen zuzieht, kommt wegen der dicken Blaetterschicht noch weniger Licht durch als sonst und es schaut am Mittag so aus, als waer es 6 Uhr abends.
Eine andere Schlange habe ich im Río Yasuní gesehen, als wir darauf unterwegs waren. Sie schaute mit ihrem Kopf raus und drehte sich im Kreis, als wuerde sie etwas suchen.
Beruhigenderweise erzaehlte uns unser Fuehrer noch waehrend unser Tour von der Bekanntschaft mit einer Anaconda. Er war mit einem Freund auf einem kleinen Kanu unterwegs und auf einmal tauchte so ein Wuergemonstrum auf, das Kuehe erledigen kann.

Doch wir blieben gluecklicherweise davon verschont und konnten so tolle Naturspektakel bestaunen. Waehrend wir durch ein Meer aus Pflanzen und Baeumen marschierten waren wunderschoene Schmetterlinge ergaenzende Farbtupfer in diesem Kunstwerk, genauso wie die unzaehligen Voegel, die durch die Gegend segelten. Das eine oder andere zeigte sich ein Kolibri auf Augenhoehe, mit einem sonoren Brummen in der Luft stehend. 

 
Wir stiessen auf Scharen von Ameisen im Wald, die da ihrer taeglichen Routine nachgehen, fleissig und bestimmt. Erst sind es nur Blaetter und kleine Holzstuecke, die scheinbar wie durch Geisterhand durch die Luft schweben, bis man erkennt, dass es Ameisen sind, die da auf und abgehen, Dinge stemmen, die sie brauchen, um ihre Haeuser zu bauen. Ameisen sind furchtbar stark, sie koennten Spielzeugautos heben!

Einer der schoensten Momente war, als wir am Abend den Río Yasuní entlang fuhren, Cesar den Motor des Bootes abstellte und wir dann also da standen, auf allen Seiten der ewige Wald. Wir konnten ein paar mal kurz die einmaligen rosa Fluss-Delfine, die es weltweit nur in dieser Gegend gibt, sehen, wie sie mit einem Wasserplatschen kurz an die Oberflaeche kamen und dann auch gleich wieder verschwanden. 
Ergoetzend fuer alle Sinne! Es ist wie ein gigantisches Konzert,  gespielt vom Orchester der Voegel, der Affen, der unzaehligen anderen Bewohner, dirigiert von der Logik oder Willkuer der Natur, die fuer den Menschen unbegreiflich ist. Die Wasserlaeufer springen ueber die Oberflaeche, synchron, wie im einstudierten Ballett, umrahmt von der erhabenen Kulisse der Baumriesen.
Beeindruckend und respekteinfloessend! Man ist als Mensch in diesem Tierreich halt doch einfach so unbedeutend, nichtig…

Ein paar weitere Eindruecke.



Einen kleinen Rastplatz und Rueckzugsort in dieser Wildnis gab es auf einer kleinen Insel und wir suchten ihn immer auf, um zu kochen und zu essen. Cesar hatte alles noetige dabei. Frueher hatte er schon einmal als Koch gearbeitet und so zauberte er in Schnelle und Leichtigkeit  gutes Essen. Weil der Gastank nicht funktionierte, stiegen wir auf Holzbetrieb um.

Und dann fuhren wir noch weiter in den Wald hinein, weiter, immer weiter. Einige Schreckensaugenblicke lang hatte Cesar Probleme, den Motor des Bootes anzuschmeissen und ja, Gott sei Dank, Gracias a Dios tat er dann doch noch seinen Dienst.  Wir haetten irgendwie mit Manneskraft den weiten Weg zurueckpaddeln muessen und das schon zu fortgeschrittener Stunde. Ich weiss nicht, was wir gemacht haetten. Schon frappierend, wie sehr man in solchen Gegenden auf die technischen Geraetschaften angewiesen ist.
All dies, um die optimalen Stellen zum Piranha-Fischen aufzusuchen. Unsere Angeln hatten wir kurz vorher selbst aus einem Stueck Holz und einer Schnur gebastelt. Als Koeder dienten Wuermer, die wir an unserer Essensinsel aus der Erde buddelten.
 An diesem ersten Tag wollte noch keiner anbeissen.
Doch Glueck war trotzdem das Wort des Tages, denn in der Stille des Wartens auf den erhofften Fang konnte man ganz ploetzlich so unbekannte wie faszinierende Laute von Tieren von den Ufern her hoeren und spaeter sogar sehen. Es waren sogenannte Nutrias! Leider stiessen unsere Kameras bei den Tieren oft an ihre Grenzen,  z.B. auch bei den Delfinen.
Cesar wusste sie anzulocken, indem er immer irgendwie im Wasser planschte und damit gurgelte. Und es funktionierte tatsaechlich! Ein paar zeigten sich, kamen aus dem wilden Wuchs heraus, mit herhobenen Kopfen hin und her wackelnd.
Erst spaeter machte uns unserer Fuehrer die Einmaligkeit dieses Zusammentreffens klar. Er selbst hat sie auch erst ein einziges mal zu Gesicht bekommen und dabei bei weitem nicht so viele und so deutlich. Man sieht sie wirklich so gut wie nie.
Was fuer ein Glueck Glueck Glueck! Was fuer eine Wahnsinns- Sache diese Tour!

Am zweiten Tag kamen dann auch die Piranhas.
Wir banden das grosse Boot an und stiegen in das mitgebrachte kleinere Kayak um, nun flexibler und wendiger und tatsaechlich biss auch bei mir einer an. Der erste gefangene Fisch diente als Koeder und auf diese Art fingen wir noch weitere, letztendlich hatten meine Mama und ich jeweils einen, Cesar zwei. Waer ja auch seltsam, wenn der Meister nicht erfolgreicher waer.
 Die Geduld, die mir zum Fischen fehlt, hatte Cesar und er gab und gab nicht auf. Ein paar Ortswechsel weiter Richtung Waldesinnere sollten es noch sein, bis wir wieder zurueckfuhren.
Der kroenende Abschluss waren Papageie bei einer zweiten Wanderung, die in der kroenenden Baumkrone thronten.
Wieder kannte Cesar irgendwelche exotischen Laute, die es zu machen galt, wir schlichen uns an und jaaa, da sassen sie also oben mit ihren riesigen Fluegeln und ihrem durchdringenden Geschrei!
 Dabei konnte man staendig die Affen hoeren, sehen nicht. Man kann eben nicht alles haben.

Auf dem Rueckweg hielten wir noch bei einem Haus von Indígenas an den Ufern des Río Yasuní an, schon ausserhalb des Nationalparks. 
Cesar kennt dessen Bewohner gut und sie gaben uns ein bisschen von ihrem Yuca-Saft zu kosten, den sie in rauen Mengen brauen.
Ausserdem  fischen sie im Fluss und kochen ihren Fang.
Fuer uns waren die gefangenen Piranhas dann uebrigens auch unser Abendessen. Doch fuer sie ist die Selbstversorgung essentiell, abgeschottet, wie sie leben.
So abgeschottet  leben sie also im Dschungel, sehr einfach, ihr Haus hat nicht einmal Waende, doch was hoert man laufen? Einen Fernseher! Diesmal war es wirklich noch weniger zu glauben, wo denn da das Signal herkommen soll. Ganz nebenbei hoert man das Brummen eines Notstromaggregats…