Die bitterkalte Dunkelheit hatte Puno bereits heimgesucht und es siegte die Vorsicht ueber die Vorteile einer in Peru nur bedingt zu empfehlenden Ueberlandfahrt bei Nacht. Es war Ostersonntag und ich goennte mir lieber eine Nacht im Hotel und eine Familienpizza, die aber eher die Groesse einer Kinderpizza hatte und mich nicht satt machte. Dazu kamen die eigentlich schon laengst zu erwartenden Beschwerden der Hoehe, worueber man sich nicht zu wundern braucht, wenn man im Eiltempo in fast 4000 m MSL auf zwei Berge raufspurtet. Einige Augenblicke lang fuehlte ich mich so ungut, dass ich sogar mein Chile-Projekt in Frage stellte, sah es aber dann als vorteilhaft an, von den luftigen Hoehen in tiefere Gebiete zu fahren, Richtung Kueste.
Rein also in den Bus nach Tacna, dem letzten peruanischen Grenzort, am besten in den allerersten in der Frueh, um ja moeglichst bald anzukommen. Ich wollte nicht auf eine spaetere komfortablere Transportmoeglichkeit warten.
Schnell erwies sich meine Entscheidung als unguenstig; da die normalen Busse in jedem kleinsten Ort anhalten, um Leute aufzugabeln, braucht man entsprechend laenger und laenger fuer die eh schon sehr lange Strecke.
Es gab einen Teil waehrend der Fahrt, da ging es durch das schiere Nichts, durch spektakulaerste Natur.
Eine Zeit lang konnte ich mich an der vorbeiziehenden Landschaft begeistern, mit dem staendigen Hintergedanken, dass es frueher oder spaeter im Westen vom Altiplano runtergehen muesse. Und irgendwann fing ich an, darauf zu warten, dass die Bergszenerie allmaehlich verschwindet. Doch die Berge blieben und blieben.
In all der Zeit wurde meine Toleranz gegenueber langen Fahrtzeiten immer groesser, aber diesmal verlor ich irgendwann einfach die Geduld. Es kam da mehr zusammen: Muedigkeit, Probleme mit der Hoehe, stickige Luft im uebervollen Bus, die Tatsache, dass er staendig wegen irgendetwas anhalten musste, wegen landwirtschaftlicher Kontrollen auf mitgefuehrtes Obst, Polizeikontrollen, Aufgabeln und Absetzen von Leuten...
Dann mit der offensichtlich immer groesseren Verspaetung kamen auch Bedenken, was ich denn nach Einbruch der Dunkelheit in Tacna machen sollte, in der Nacht allein in einer suedamerikanischen Grossstadt, von der ich nichts wusste, mit dem eigentlichen Plan, am selben Tag noch ueber die Grenze nach Chile zu fahren. Doch wie es das Glueck oder der Zufall so will, traf ich einen Deutschen und einen Chinesen, die beide in Chile wohnen bzw. gewohnt hatten und gerade auf der Rueckreise von Peru waren. Es tat gut, mit zwei mit dem gleichen Plan unterwegs zu sein, die auch noch die gleiche Ueberlegung bzgl. der Busse getroffen hatten. Sie hatten genauso wie ich ueberlegt und nahmen den ersten Bus, um schon am Nachmittag ueber die Grenze zu kommen. Irgendwann bemerkten wir, dass der luxurioese Bus, der Puno satte drei Stunden spaeter verlassen hatte, mit uns gleichauf war. Wie man denn dermassen viel Zeit verlieren konnte?
Solche unglaublichen Aktionen wie die in Moquegua, nicht mehr allzu weit vom Ziel entfernt, bei denen ich ich fast die Fassung verlor, gaben mir die Antwort.
Einerseits ist es ja durchaus positiv, wenn es die
Moeglichkeit gibt, mit oeffentlichen Verkehrsmitteln seine Habseligkeiten an
jeden x- beliebigen Ort hin zu transportieren, z.B. gefuehlte 10000 Eierkartons. Aber
wenn sogar die Einheimischen anfangen, ungeduldig zu werden und sich zu beschweren, dann ist es ein
Zeichen, dass man innerlich schon ein bisschen brodeln darf und ich tat es, spaetestens nach 20 Minuten Eierkartons Ausladen,
doch beim zweiten Gedanken sah ich ein, dass wer von A nach B will und A sagt,
auch B sagen und solche ewigen Zeitverzoegerungen ueber sich ergehen lassen
muss. Und warum ich das so ausfuehrlich beschreib, ist doch auch, weil manchmal
der Weg das Ziel ist und man dort Dinge erlebt, die dann doch unheimlich amuesant und interessant, wenn auch sehr nervig sind...
Irgendwann aenderte sich das Bild schliesslich, wir erreichten die im Sueden Perus sehr trockene Costa...Wueste! Es sind die Auslaeufer der chilenischen Atacama-Wueste.
Und weitere laeppische Stunden spaeter dann Tacna. Ich war so froh um meine Bekanntschaften, die beide fest entschlossen noch am Abend nach Arica in Chile wollten, denn ich weiss nicht, ob ich es allein gemacht haette. Wir erfuhren, dass die Grenze noch offen hatte und es war mir wesentlich lieber, ueber Nacht da rueber als allein durch Tacna tigern zu muessen.
Nach ein paar weiteren Stunden Weg und Formalitaeten an der ersten wirklich strengen, aber anscheinend ziemlich sicheren Grenze (wir fuhren mit dem Taxi, wovon sonst eigentlich immer dringend abgeraten wird) war es fuer die anderen zwei Rueckkehr in ihre zweite Heimat, so wie bei mir Ecuador. Fuer mich war alles neu. Alles, was ich von Kolumbien/Ecuador/Peru/Bolivien gesehen hab, war im grossen und ganzen aehnlich, nur einzelne Aspekte staerker oder schwaecher ausgepraegt.
Aber Chile war voellig anders! Man merkt sofort, dass es wirtschaftlich wesentlich besser dasteht als seine Nachbarlaender. Chile wird die Schweiz Suedamerikas genannt, das BIP ist ca. doppelt so hoch wie das von Peru und ca. viermal so gross wie in Bolivien.
Es gibt Wohnsiedlungen, die genauso gut in Europa oder den USA stehen koennten und gute Strassen, sobald man die Grenze passiert hat. Da heisst es dann gleich: "Santiago, 2000 und noch was km", denn aufgrund der Form des Landes gibt es so gut wie nur eine unendlich lange Hauptstrasse.
Unsere Odyssee ging noch weiter, als wir bis spaet in der Nacht in Arica ein Hotel suchten. Mit der Zeit wurden wir ein gutes Trio. Wir unterhielten uns auf Englisch beim gemeinsamen Abendessen und es freute mich, mal wieder Englisch reden zu koennen zwischen all dem staendigen Spanisch. Am naechsten morgen trennten sich unsere Wege. Meine Freunde aus Deutschland und China mussten nach Santiago und von da aus zurueck in die Heimat. Ich wollte mich vorher noch ein bisschen in Arica umschauen, anschliessend dann wieder nach Tacna und weiter nach Arequipa. Viele fragten mich, warum ich unter ziemlichem Stress nur kurz in die verschiedenen Laender reinschaue, anstatt ein Land richtig zu machen. Aber man bekommt immer einen so interessanten Eindruck in das Land und bei Chile war es ein so gaenzlich unterschiedlicher Anblick. In Arica kam ich mir nicht mehr wie in Lateinamerika, sondern eher wie in einer Stadt im Sueden der USA vor, wegen der guten Infrastruktur und weil es so gut wie keine Relikte aus der Kolonialzeit gibt. In allen anderen Orten, die ich kennengelernt hab, stiess ich immer zumindest auf eine Kirche oder einen historischen Platz, aber Arica wirkt ziemlich modern, sauber, nicht so chaotisch wie die anderen Laender.
Fussgaengerzone in der Innenstadt
Und das tolle Klima! Weil es in der Wueste liegt, regnet es fast nie und statt der unertraeglichen Hitze wie an der ecuadorianischen Kueste ist es angenehm trocken heiss. Ich wachte am naechsten morgen auf und freute mich ueber ein Wetter, wie ich es mir in der gesamten Zeit immer gewuenscht hatte, wo man weder frieren noch unmenschlich schwitzen muss.
War es doch gut, in Erdkunde aufgepasst zu haben, sodass ich mir das dann alles erklaeren konnte. Gemaess der Walker- Zirkulation kommt mit dem Humboldt- Strom eine kalte Meeresstroemung an der Kueste an, die kalte Meeresluft zieht sich zusammen, wird schwerer und sinkt ab. Dadurch bildet sich ein Hoch, das zur Wolkenaufloesung fuehrt und so das aride Klima verursacht... Jejeje :)
Mein Weg durch die Stadt
war gleichzeitig auch eine Suche nach dem lang ersehnten Strand! Nach ein paar Sackgassen tauchte er auf.
El mar! Das Meer!
Eine Schuelergruppe beim Trainieren.
El desierto! Die Wueste!
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