Die Stadt Juliaca ist auch schon am Lago Titicaca, aber
ueberall liest man, dass es haesslich, kalt und gefaehrlich ist.
Wir fuhren kurz durch und das mag alles stimmen, aber
trotzdem hat mich der Ort fasziniert, so dreckig und trostlos, ein so schoen uneinladender Fleck im besucherueberlaufenen Peru.
In Puno angekommen musste ich mich schon am Bus-Terminal
erst zwischen einigen sehr extrovertierten Titicaca- Insel- Touranbietern durchschlaengeln und lehnte mit ein paar hoeflichen „Gracias“ ihre Offerten ab.
Das ging im Taxi noch so weiter bis zur Ankunft im Hotel, wo mir wieder neue Vorschlaege
gemacht wurden und ich dann schliesslich aber doch einwilligte. Eigentlich wollte ich ja zur Isla Amantaní, aber diesmal wirklich allein. Ich hatte ein paar unschoene Sachen ueber ausbeuterischen Tourismus auf Kosten von indigenen Inselfamilien gelesen und wollte das nicht unterstuetzen. Doch die nette Hoteldame konnte meine Bedenken ueberzeugend ausraeumen und ich war froh, mich nicht noch wegen den Abfahrtszeiten der Boote am Hafen umschauen zu muessen.
Anschliessend ein Rundgang durch die Stadt, in meine waermste Winterjacke gehuellt und mit einer Muetze auf dem Kopf. Puno und eigentlich der gesamte Lago Titicaca liegen auf ca. 3800 m MSL. Am Tag kann die sehr sehr starke Sonne da noch was an Erwaermung ausrichten, aber in der Nacht wird´s einfach so krass kalt. Mit Wollsocken, Jogginghose, Schal, Muetze, Funktionsunterwaesche, Fleece- Pulli und 4 dicken Decken verbrachte ich die folgenden Naechte und es war dann schon einigermassen ertraeglich.
Doch die Kaelte bringt irgendwie so eine angenehme Ruhe mit sich und die Puneños wirken immer so unbescholten, wenn sie ihrer taeglichen Routine nachgehen, in ihre waermsten Jacken gehuellt.
Es war schon ein echt schoener Nachmittag.
Am naechsten Morgen nervte mich der eisige Wind und der Wetterumschwung, waehrend ich so lange auf die Abfahrt am Hafen warten musste.
Im Boot prasselte der Regen gegen die Scheiben und verwehrte die Sicht nach draussen. Der Fuehrer fing an zu reden, sein Lieblingswort war "amigos", das kam in jedem Satz dreimal vor. "Bueno, amigos, ahora, amigos, salimos de Puno, amigos." Mit der Zeit ging mir das ziemlich auf die Nerven und obendrein seine Versuche, Englisch zu reden, wo sowieso jeder Spanisch zumindest verstehen konnte, auch wenn es sehr nett gemeint war. Diesmal waren Chilenen, Peruaner, Franzosen und wieder Spanier mit von der Partie.
Meine angeschlagene Stimmung erreichte seinen Tiefpunkt bei den schwimmenden Inseln der Uros.
Eigentlich ist das mit diesen schwimmenden Inseln schon sehr spannend. Sie werden von Menschenhand aus Binsen gebaut und treiben in der Bucht vor Puno herum. Frueher war es das Volk der Uros, das vom Festland auf den See fluechtete, um Tributforderungen erst der Inka und spaeter der Spanier zu entgehen. Spaeter vermischten sie sich immer mehr mit dem Volk der Aymara und sprechen heute auch deren gleichnamige Sprache Aymara, die laut Sprachwissenschaftlern uebrigens die logischste der Welt ist.
Eigentlich waer es auch sehr interessant, das Leben der Inselbewohner kennenzulernen, doch ihr Leben kam mir wie eine einzige Aufopferung fuer den Tourismus vor, ein kuenstliches, aufgesetztes Etwas. Sie taten mir so leid! Breiteten ihre Souvenirs aus und flehten einen fast schon verzweifelt an, dass man doch etwas kaufen soll, zu horrenden Preisen.
Der Fuehrer erklaerte anhand einer Karte noch etwas ueber die Streitigkeiten zwischen Peru und Bolivien bzgl. des Titicaca. Drei Fuenftel sind auf der peruanischen Seite, die anderen zwei bolivianisches Territorium. Peru beansprucht die Silbe "Titi" fuer sich, "Caca" soll Bolivien gehoeren, Bolivien sieht die Sache andersherum.
Mit der Zeit klarte es auf und die Sonne brannte von einem satt blauen Himmel, wir verliessen den Uferbereich und stachen hinaus in den See. Eine herrliche Fahrt!
Der See ist so gross, dass man sich eigentlich wie auf dem Meer vorkommt, aber es gibt nicht so viel Seegang und dann bewegt man sich also ganz ruhig ueber die glitzernde Oberflaeche, zu beiden Seiten ausserdem Schilf.
Amantaní!
Ein Idyll, ganz still. Es gibt keine Strassen, keine Autos
und die Boote liegen reglos vertaeut im Hafen. Ich haette eins fuer den
naechsten Morgen gebraucht, denn ich wollte die Gruppe, die am folgenden Tag noch
zu einer anderen Insel fuhr, schon in der Frueh zurueck Richtung Festland verlassen, um meinen
Bus von Puno nach Bolivien zu erwischen. Ich erkundigte mich nach
Transportmoeglichkeiten und wurde, herzliche
ecuadorianische Hilfsbereitschaft gewohnt, ziemlich von den Leuten enttaeuscht,
die auf meine Frage kaum eingingen, sich auch kaum irgendwie darum bemuehten,
etwas in Erfahrung zu bringen. Irgendwann spaeter erfuhr ich dann, es fahre
angeblich ein Boot um 8 von der anderen Seite der Insel weg, aber an dieser
Stelle begann leider mein schlimmes Misstrauen gegenueber nichts und niemandem.
Eine Familie hatte ein Zimmer fuer mich und sie waren schon sehr nett, kochten, liessen mich dann aber allein beim Essen und zogen sich ganz
fuer sich zurueck.
Wieder zieh ich einen Vergleich zu Ecuador und denk z.B.
daran, als wir in Quilotoa waren und mit der Familie am Abend genuesslich
schaekerten. Ich haette mich sehr gefreut, mich ein bisschen mit Einheimischen
austauschen zu koennen, aber sie waren irgendwie traurig verschlossen.
Die Mutter der Familie konnte auch nur Quechua und kaum
Spanisch. Leider konnte wir dann zwar noch schwerer in Kontakt kommen, aber ich fand es sehr positiv, dass es doch noch ein paar Gegenden gibt, wo das Spanisch noch nicht alles eingenommen hat, wo es noch ein paar alte Menschen gibt, die nur ihre indigene Sprache sprechen, waehrend die junge indigene Bevoelkerung eher bilingual, in manchen Regionen mit der Tendenz Richtung nur Spanisch aufwaechst. Ich find es manchmal fast beangstigend, wenn man sich ueberlegt, dass die Kolonisierung den ganzen Kontinent vom Norden Mexikos bis nach Feuerland verspanischt hat, so sehr mir die Sprache auch gefaellt.
Es kam mir schon erst so vor, an einem von der modernen Welt einigermassen abgeschiedenen Ort angekommen zu sein, als ich von dem Haus auf den See rausschaute.
Bis ich dann auf einen der Hauptwege gelangte, wo sich wieder Scharen von Menschen den Berg hinaufbewegten, und zwar hauptsaechlich Besucher. Ich will mich nicht die ganze Zeit ueber den Tourismus beschweren, ich hatte ja selbst diese ganzen Highlights und damit Touristenloecher gewaehlt, aber diese packenden Orte sind doch gleich viel weniger besonders, wenn man sein Glueck mit zig anderen teilt, sich mitten im Nirgendwo waehnt und dann in einem Strom von Europaern und US-Amerikanern bewegt. Mhm, es ist halt Peru.
Wie ein Pilgerpfad fuehrt der Weg zu den Ruinen von Pachamama (Mutter Erde) und Pachatata (Vater Erde) aus der Zeit der Inka, bzw. Tiwanaku.
Da gibt es so eine quadratfoermige Mauer und man muss mit einem
Stein oder besser noch mit Coca- Blaettern in der Haend dreimal rumlaufen und
kann sich bei jeder Runde etwas wuenschen.
Von dort aus hatte man einen atemberaubenden Rundumblick auf den See hinaus, zu allen Doerfern/Gemeinden der Insel mit ihren eigenen Haefen und ich spekulierte, von wo jetzt wohl das besagte Boot wegfahren wuerde. Die Mutter der Familie sollte mich am naechsten Morgen auf die andere Seite hin begleiten, aber ich konnte mich mit ihr ja nicht verstaendigen. Ihre Tochter uebersetzte und ich hoffte dann einfach, dass es klappen wuerde. Zugegebenermassen hatte ich ein ungutes Gefuehl, nicht mehr von der Insel wegzukommen, gerade weil Wochenende war.
Zu fortgeschrittener Stunde spielten dann die Inselbewohner noch ordentlich einen auf und steckten auch alle Gaeste in diese schicken Ponchos. Die Muetzen waren der Hit, aber gehoeren sicher weniger zur typischen Tracht, sondern wurden wohl eher zu Verkaufswerbezwecken getragen.
Tatsaechlich brach ich dann im Morgengrauen auf und
die Frau des Hauses fuehrte mich dankenswerterweise den sehr anstrengenden huegeligen Weg auf die andere Seite der
Insel zum Hafen, wo Gott sei Dank auch wirklich ein Boot bereitstand.
Sie sagten mir gleich, sie wuerden nicht nach Puno, sondern
nur zur Halbinsel Capachica fahren, aber Festland ist Festland und von dort aus gibt es Busse.
Die anschliessende Fahrt war fast der interessanteste Teil des ganzen Inselausflugs, weil ich halt so mitten Schulter an Schulter mit den Einheimischen sass, die das Wochenende wegen einem Markt nach Puno rueberschauen wollten.
Besonders amuesant war der Blick des Mannes mit dem Ruder in
der Hand, stets konzentriert, aber immer so seltsam verkrampft mit dem Kopf
nach oben. Von meinem Sitzplatz aus konnte ich mir waehrend der Ueberfahrt das
Innenleben des Motors ansehen.
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