Zuerst plante ich den vollstaendigen naechsten Tag fuer die Stadt ein, kaufte mir sogar gleich ein Busticket fuer den folgenden Abend. Nach dem ersten Rundgang bereute ich meine Entscheidung. Es war Karsamstag und Unmengen von Menschen trieben sich herum. Am Titicaca- Strand hatte man knallbunte Kinderhuepfburgen aufgebaut; die Tretboote in Tierform tummeln sich wohl das ganze Jahr ueber im Wasser.
Dazu viele viele betrunkene, bzw. trinkende Menschen,
Bolivianer (wohl einige davon aus La Paz) und alle moeglichen anderen Besucher, die zu
Ostern nach Copacabana pilgern.
Waere ich nicht so muede und ausgelaugt gewesen und waere nicht Ostern gewesen, haette mich das alles sicher so richtig gepackt, die feiernden Menschenmassen auf den verdreckten Strassen, die Zelte als Residenz der Nachtschwaermer, die ungemuetliche Stimmung.
Aber nach all diesen unschoenen Eindruecken und den Gedanken an
ein behagliches Osterfest daheim fuehlte ich mich zum ersten mal in meiner
gesamten Zeit so richtig einsam und wollte einfach nur noch von diesem
haesslichen Ort weg, so bald wie moeglich.
Als Alternative zu La Paz plante ich Chile ein, wollte
dorthin aber wieder ueber Peru fahren, da zuverlaessiger und berechenbarer.
Es gab Direktbusse nach Puno, u.a. mittags, angeboten von
unzaehligen Gesellschaften, doch meistens war schon alles voll. Das war mir
vorher noch nie passiert, fuer eine einzige Person gab es andernorts sonst immer Kapazitaeten, gerade wenn man sich schon am Vorabend darum bemueht, und
von Ecuador bin ich es gewohnt, dass man dann halt steht, wenn man keinen
Sitzplatz mehr bekommt. Aber in dem unorganisierten Bolivien
fingen sie auf einmal mit Strassenverkehrsgesetzen an.
Ja, es war Ostern und Copacabana ist so etwas wie ein
Gabelpunkt zwischen Peru und La Paz, aber an diesem Abend konnte ich keine
Unwaegbarkeiten verkraften, genervt und unter Strom, wie ich war.
Erst nach meinem ausfuehrlichen Strandrundgang las ich auf einmal im Reisefuehrer, wie gefaehrlich der Ort zu Festzeiten ist und dass man abends nie allein rausgehen sollte. Ich fragte bei einem Polizisten nach und er meinte, man solle schon sehr aufpassen. Eigentlich ja alles nichts neues fuer mich nach mehr als 5 Monaten Suedamerika. Trotzdem kam an diesem Abend so einiges zusammen und meine Vorsicht, kein Opfer von Diebstahl zu werden, war fast schon ein bisschen krampfartig.
Im Grunde gefaellt mir die lateinamerikanische Sorglosigkeit und ich finde, es wuerde ab und zu nicht schaden, sich eine Scheibe davon
abzuschneiden. Aber manchmal braucht man gerade inmitten dieser allgegenwaertigen Unbekuemmertheit sture Gewissenhaftigkeit, um seine Sachen oder sich selbst nicht zu verlieren.
Ueber Nacht konnte ich mich ein bisschen beruhigen und
hoerte vom Hotelbett aus den Ostergesaengen der bolivianischen Priester zu.
Am naechsten Vormittag war meine Stimmung
wesentlich besser, vor allem nachdem es mir gelungen war, ein Busticket fuer
den Mittag zu ergattern.
Die Abfahrt war schon bald, doch die wenigen verbleibenden Stunden in Bolivien wollte ich noch so gut es geht ausnutzen und ploetzlich ergriff mich ein wahnsinniger Antrieb und ich erklomm den Cerro Calvario, einen Berg, der schon zur Inka- Zeit heilig war und heute der katholischen Marienverehrung dient.
An dessen Fuss ging ich an der traurigerweise wohl haesslichsten Kirche der Welt vorbei.
Auf dem Weg nach oben passiert man die einzelnen Stationen eines Kreuzwegs und -es ist das christliche Lateinamerika- die Leute bleiben stehen und beten, am Ostersonntag eben besonders, auch wenn die eigentlichen Prozessionen schon am Karfreitag waren.
Und im Gegensatz zum geladenen Vorabend kam mir alles so
besinnlich- friedlich vor. Am Gipfel angekommen hielt ich inne, genoss die
Aussicht auf den See
und die Stadt
und ass genuesslich meine Schoko-Osterhasen und – eier, die mir
meine Mama bei ihrem Besuch mitgebracht hatte und mehr oder weniger
unversehrt bis nach Bolivien gekommen sind. Die Schokolade aus der Heimat gab meiner Stimmung noch einen weiteren Aufschwung und war ausgezeichnetes Proviant fuer den
Abstieg ueber einen abenteuerlicheren Weg, den ich gefunden hatte.
Vieles, was ich in Bolivien gesehen hab, kannte ich in der Art schon aus Kolumbien/Ecuador/Peru, aber begegnete mir in noch intensiverer, gesteigerter Form. Es sind die Eindruecke, die man nicht beschreiben kann. Aber u.a. deswegen gefaellt es mir so gut, in viele unterschiedliche Laender reinzuschauen, auch wenn es nur fuer zwei Tage ist.
Nach Copacabana fahren die Leute auch, um ihre reich
geschmueckten Autos segnen zu lassen. Ich habe immer gelesen, dass das
jaehrlich am 5. August stattfindet, aber Ostern bietet sich dazu anscheinend
auch ganz gut an.
und betrat eine mit Menschen ueberfuellte und auch sonst durch und durch erfuellte Catedral. Gerade ertoente ein Gesang, den ich schon einmal gehoert hatte, ein Lied in dem stets melancholischen Ton der Anden- Bevoelkerung.
Auf der anderen Seite gelangte ich zur "Capilla de las velas" (Kapelle der Kerzen), ein wahnsinnig ergreifender Ort.
Auf der anderen Seite gelangte ich zur "Capilla de las velas" (Kapelle der Kerzen), ein wahnsinnig ergreifender Ort.
Es war so duester, aber die unzaehligen Kerzen erhellten den Raum auf eine andaechtige Weise, dazu die Waende mit Wachs mit Bitten vollgeschrieben.
Anschliessend hatte ich noch ein bisschen Zeit und wollte mir einen zweiten Huegel, den Horca del Inka vornehmen. Eigentlich gab es einen markierten Weg, aber eine Art Pfoertner empfahl mir, einfach querfeldein hinaufzusteigen, um schneller zu sein. Das war ich wirklich, nur hatte ich irgendwann das Gefuehl, jeglichen Pfad zu einem beruehmten Observatorium, das es dort geben sollte, zu verlieren. Und fand es tatsaechlich nicht.
Dafuer hatte ich Spass, mich durch solche Felslandschaften zu hangeln.
Erst wunderte ich mich darueber, ueberhaupt keine Probleme mit der Hoehe zu haben. Die beiden Huegel liegen auf fast 4000 m MSL und ich war sehr schnell unterwegs. Am Abend merkte ich jedoch, dass ich mich doch ein bisschen uebernommen hatte...
Meine Bedenken wegen der Busse waren ziemlich in den Hintergrund gerueckt, bis ich der Bedienung beim Mittagessen mein Ticket zeigte. Sie meinte, meine Gesellschaft fahre nicht nach Puno, sondern nur nach La Paz und ich solle mich lieber nochmal alternativ umschauen. Dann verschlang ich also mein Essen und hetzte von einem Busbuero zum naechsten. Die meisten hatten nichts mehr frei und mit Glueck konnte ich ein zweites Ticket erstehen, das mir auch nicht serioeser erschien, aber zumindest meine Chance erhoehte, in irgendeinen Bus reinzukommen. Ich bemerkte naemlich, dass es tatsaechlich so war, dass die einzelnen Unternehmen die Route nach Peru selbst gar nicht hatten, sondern sich gegenseitig an andere Gesellschaften weiterverkauften.
Ich hatte also im eigentlich so billigen Bolivien 3 Bus- Tickets gekauft, was im Nachhinein uebertrieben scheint, aber da sieht man alles immer von der lockeren Seite. Genauso wie ich mir jetzt denk, ob ich nicht allgemein zu vorsichtig war. Da stand einmal ein Bus bereit. "La Paz, La Paz, hay asientos, La Paz!"
Doch in dem Moment war ich nur froh, dass es mit der Rueckfahrt geklappt hat und vermisste mein Ecuador, in dem ich immer auf so hilfsbereite Leute gestossen bin, die mir meist zumindest sagen konnten, was Sache ist. Aber dort waren sie oft eher uninteressiert, unaufgeschlossen, ja teilweise unehrlich.
Ich will den Peruanern und Bolivianern im Allgemeinen nicht unrecht tun, ich hab wirklich unglaublich tolle peruanische Freunde und vielleicht liegt meine Sichtweise auch daran, dass ich so lange in Ecuador lebte und viele Leute dort so gut kennenlernen konnte. Aber mir ging in Peru und Bolivien die Herzlichkeit ab, die ich aus Ecuador gewohnt bin, all die ewigen freundlichen Begruessungs- und Abschiedsfloskeln. Der Umgang im Gesamten war weit karger, trockener...
Leider war ich an dieser Stelle an dem Punkt angelangt, einfach nichts und niemandem trauen zu koennen und lieber zehnmal nachzufragen, zur eigenen Sicherheit...
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