Mittwoch, 8. Februar 2012

Guayaquil!

Buenas tardes :) Es hat also geklappt mit Guayaquil, diesmal alles ganz "tranquilo", ohne irgendwelche Zwischenfaelle kurz vor der Abreise. Wie bei jedem mal Verlassen der Sierra hat es mich wieder einmal frappiert, wie Orte, die so nah aneinander liegen, ein so unterschiedliches Klima haben koennen, auch wenn rational gesehen der Grund natuerlich voellig einleuchtend ist. In diesem Land gibt es tatsaechlich alle deutschen Jahreszeiten und das das ganze Jahr ueber, man muss sich nur die entsprechende Hoehe suchen. Wer ein schoenes Mai/Juni- Spaetfruehlingswetter haben will, der muss nach Ibarra. Einen strengen Novemberherbst gibt es in Simiatug, sogar eisiges Winterwetter, inklusive ganzjaehrig Schnee, und zwar oben auf jenen hohen Gipfeln des Cotopaxi, Cayambe, Chimborazo & co.
So, und wer so richtig harten schwuelen Hochsommer vorzieht, der ist mit Guayaquil sehr gut bedient, gerade jetzt, denn es ist dort gerade Regenzeit. Hier kann man die Hitze richtig sehen, wie ein fettiger Schleier, der in der Luft haengt und sich dann runterstuerzt auf die Menschenmassen in dieser Metropole. Klar, tropisch- schwuel-heisses Klima gibt es woanders auch, auf der ganzen Welt, aber nach den ersten Schweissbaechen, die mir in Guayaquil runtergelaufen sind, hab ich mir gedacht, dass diese Stadt halt einfach insgesamt mehr als 3 Mio. Menschen ihr Zuhause nennen. Auf der Hinfahrt hab ich meine Nachbarin im Bus, Guayaquileña, gefragt, wie man bei dieser Hitze leben koenne und sie entgegnete schlagfertig: "Wie koennt ihr in Deutschland bei dieser Kaelte leben?" Ich haette ihr anders zu erwidern gewusst mit Ausfuehrungen ueber den Wechsel der Jahreszeiten und Heizungssysteme, doch pflichtete ihr einfach bei: "Ja, hart ist es schon" und war nichts mehr als gluecklich und zufrieden, gerade schwitzen zu koennen und nicht die Eiseskaelte daheim ertragen zu muessen, vor allem angesichts dieser schrecklichen Nachrichten, dass Leute in Deutschland an dieser Kaelte sterben.
Im luftigsten Sommerhemd und Flips-Flops befand ich mich nach meiner Ankunft bald auf dem Weg durch die Stadt. Es hat nicht den Charme eines Quito, ein huebsches koloniales Altstadtviertel sucht man vergeblich, doch fuer mich einfach den Reiz einer riesigen, lauten, dreckigen, hektischen lateinamerikanischen Grossstadt.
Und gefaehrlich ist es! Laut einem Bekannten, mit dem ich unterwegs war, ist es nach São Paulo und Mexiko City die drittgefaehrlichste Stadt Lateinamerikas. Interessehalber hab ich dann selbst nochmal im Internet recherchiert, ganz unterschiedliche Informationen gefunden und wurde in meiner Ansicht bestaerkt, dass man solchen Statistiken wohl nie ganz trauen kann, bzw. sie fuer die wirkliche Gefahr wenig aussagekraeftig sind. Aber Rang hin oder her, gefaehrlich ist es ueberall, wo Reichtum und Armut aufeinander trifft, so wie in Guayaquil, die staendige soziale Diskrepanz, die vom ganzen Land wohl hier am staerksten ausgepraegt ist und Kriminalitaet provoziert. In dieser Hafen- und Industriemetropole befindet sich, salopp ausgedrueckt, das Geld des Landes, die Reichsten wohnen dort, die abgeschottet und bewacht in ihren eigenen Vierteln leben und die Aermsten, ausserhalb in den Slums.Wieder einmal war ich wahnsinnig froh, Einheimische um mich rumzuhaben, denn auf eigene Faust durch die Stadt zu marschieren ist wohl keine so prickelnde Idee.
Letztendlich geht es darum, zu wissen, in welche Teile man nicht gehen sollte oder eher, in welche wenige Teile man gehen kann und darum,  ja nicht den falschen Bus zu erwischen.
Sollte man in einen solcher Busse geraten, die in den Sueden, in die gefaehrlichen Armenviertel fahren, so mein Bekannter, kann man nur beten, die Fahrt heil zu ueberstehen, bzw. wieder heil aus diesen Gegenden rauszukommen.
Man begegnet auch vielen armen blutjungen Burschen, die sich mit Schuhputzen ihre Groschen verdienen muessen...

Doch es gibt sie durchaus, die schoenen Seiten der Stadt. Im Jahr 2000 hat sich der damalige Buergermeister León Febres Cordero darum bemueht, die Innenstadt attraktiver und sicherer zu gestalten. Im Zuge dessen wurde der Malecón 2000 errichtet, eine Uferpromenade, die am Rio Guayas entlangeht.
 Blick vom Malecón aus auf den Cerro Santa Ana mit dieser farbenpraechtigen restaurierten Haeusersiedlung.
Hier kann man sich wirklich gut aufhalten, vor allem abends findet man wunderschoene Orte.
 
Und ja, man kann sich hier auch nach Einbruch der Dunkelheit voellig "tranquilamente" bewegen, denn es herrscht allgegenwaertige Polizeipraesenz.
 Denkmal fuer Simón Bolívar und José de San Martín, Befreiungskaempfer fuer die Unabhaengigkeit von der spanischen Kolonialherrschaft. Bolívar gilt in vielen suedamerikanischen Laendern als Nationalheld, saemtliche Orte, Stadtteile und Provinzen sind zu seinen Ehren nach ihm benannt und in Ecuador traegt auch die Hauptstrasse fast jeder Stadt seinen Namen. Oberhalb thronen die Flaggen saemtlicher suedamerikanischer Staaten.

Genauso sicher ist man in Las Peñas, dem urspruenglichsten Teil der Stadt, in dem man noch am meisten kolonialen Flair verspueren kann.
 Frueher war es wie der Malecón ein Ort zum Urinieren, zum Muell deponieren, wo das “Gschwerl” unterwegs war, sein Unwesen trieb und man am besten nicht hinging, geschweige denn am Abend. Doch heute wie verwandelt, ein Weggehviertel mit Bars und Discos, die den Weg  garnieren, die insgesamt 500 Treppenstufen aufwaerts, bis man ein prachtvolles, ja sagenhaftes Aussichtsplateau erreicht.
Von dort aus hatte ich einen- mir gehen die superlative Adjektive aus- ohne zu uebertreiben fabelhaften, phaenomenalen Rundumblick ueber die ganze Stadt. Da haette ich mich wirklich stundenlang aufhalten koennen, das naechtliche Treiben zu Fuessen, dieses Lichtermeer, das Ende der Stadt irgendwo in weiter Ferne, irgendwo hinter´m Horizont, den passierenden Rio Guayas mit im Blick. 
Doch zwischen diesen Lichtern kommt leider auch der Schatten zum Vorschein, mit diesen wenigen hergerichteten bewachten Orten flieht man nur von der Realitaet der Stadt. Steigt man wieder herunter, trifft man winzige Kinder, die noch um 11 Uhr abends zwischen Malecón und Las Peñas rumstreunern, um irgendwelche Sachen zu verkaufen und das trotz der Maenner in Uniform an jeder Strassenecke...

Und mit diesen ganzen Hoehe(n)- und Tiefpunkten an diesem Wahnsinns-Tag schliesse ich vorerst, der naechste Teil von Guayaquil folgt in Kuerze.

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